• ?Kindeswohlgef?hrdung wurde begünstigt“:?Experten best?tigen Vorwürfe gegen Staatliche Ballettschule
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?Kindeswohlgef?hrdung wurde begünstigt“ : Experten best?tigen Vorwürfe gegen Staatliche Ballettschule

Der Zwischenbericht zu den Vorwürfen gegen die Berliner Ballettschule liegt vor – und zeigt auf, wer den hohen Preis für die Reputation der Schule in der Tanzwelt zahlt.

Die Expertenkommission unter Klaus Brunswicker tagt am Mittwoch erstmals an der belasteten Eliteschule.
Die Expertenkommission unter Klaus Brunswicker tagt am Mittwoch erstmals an der belasteten Eliteschule.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im Januar prasselte eine Wucht von Vorwürfen auf die renommierte Staatliche Ballettschule Berlin (SBB) und Schule für Artistik (SfA) nieder: Der RBB berichtete über angeblich menschenverachtende Praktiken im Bemühen, international erfolgreiche T?nzer hervorzubringen.

Zur Aufkl?rung der Vorwürfe setzte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) eine Expertenkommission ein. Sie sollte auch Handlungsempfehlungen erarbeiten. Der noch nicht ver?ffentlichte Zwischenbericht liegt dem Tagesspiegel vor.

Das Vers?hnliche steht am Anfang: ?Für die Expertenkommission hat sich der Eindruck ergeben, dass es bei aller Kritik an Fehlentwicklungen ein gemeinsames Interesse aller Beteiligten gibt, die Schule mit ihren besonderen Angeboten im Bereich der Ballett- und Artistikausbildung zu erhalten.“

Aber dann ruft die Kommission unter dem Vorsitz des renommierten Schulleiters Klaus Brunswicker in Erinnerung, worum es eigentlich ging bei der Kritik: um die angebliche Gef?hrdung des seelischen und k?rperlichen Wohls von Schülerinnen und Schülern, um pers?nliche Beleidigungen, sexualisierte Gewalt und Androhung von individuellen Repressalien – um eine ?Kultur der Angst“, von der der RBB am 23. Januar erstmals berichtete.

Elke Nowotny und Arthur Kr?hnert sind die Ansprechpartner in der Clearingstelle für die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik.
Elke Nowotny und Arthur Kr?hnert sind die Ansprechpartner in der Clearingstelle für die Staatliche Ballettschule und Schule für...Foto: Susanne Vieth-Entus

Was aber von diesen Vorwürfen hat Bestand, nachdem die Kommission Unterlagen gesichtet, Stellungnahmen von Schülern und Besch?ftigten gelesen und insgesamt 25 ausführliche Gespr?che mit 45 schulischen Beteiligten geführt hat?

Schulkultur - Kultur der Angst

Dass es eine ?Kultur der Angst“ gebe oder zumindest gegeben habe, wird von der Kommission nicht bestritten, vielmehr sei diese Kultur sogar ?pr?gend“ an der Schule. Die Experten stellen die Frage nach den Ursachen und kommen zu dem Schluss, dass sich diese Angst nahezu zwangsl?ufig aus den Bedingungen der Schule ergebe, n?mlich aus dem Nebeneinander von Drill und Auslese und der damit verbundenen Konkurrenz unter den Schülern und der latenten Gefahr des Rauswurfs, der sogenannten Abschulung.

In diesem Zusammenhang weist die Expertenkommission auf den problematischen Umgang mit Schülern durch ?herabwürdigende, beleidigende und übergriffige“ ?u?erungen hin: ?Diese ?u?erungen verursachen Angst, zumal wenn sich die Betroffenen kaum wehren k?nnen“, stellen die Experten fest. In der Schule gebe es kein hinreichendes Bewusstsein für die Bedeutung von Kritik und Beschwerden, was auch in dem Fehlen eines funktionierenden Beschwerdemanagements deutlich werde.

Die vorgeschriebene Kooperation mit Eltern wurde "unterlaufen"

Zudem fehle an der Schule ein positives Grundverst?ndnis zur Kooperation mit Eltern. Die entsprechenden Vorgaben des Schulgesetzes seien ?offenkundig lange Zeit unterlaufen“ worden. Zudem scheint es der Kommission, dass hierarchisches Denken, autorit?re Führung und Elitebildung in der p?dagogischen Praxis der Schule ?zu h?ufig eine unheimliche Allianz bilden“. In diesem Zusammenhang f?llt in dem Bericht auch der Begriff der ?Günstlingswirtschaft“.

Kindeswohl und Lebenslage

Die Kommission hat eng mit der Clearingstelle zusammengearbeitet, die seit dem 30. Januar aus zwei Experten im Bereich Kinderschutz besteht: Elke Nowotny und Arthur Kr?hnert führten Dutzende Gespr?che mit ehemaligen und aktuellen Schulangeh?rigen. Die Kommission zitiert aus der Stellungnahme der Clearingstelle, dass ?Beispiele gesundheitlicher Gef?hrdung durch überlastung infolge sehr langer Schul-? Trainings- und Auftrittstage, sechst?giger Schulwochen, nicht ausreichender Erholungs- und Ferienzeiten, Ignorieren von Verletzungen zugunsten von Bühnenauftritten, physische Misshandlung“ belegbar seien.

Schüler der Staatlichen Ballettschule traten zuletzt h?ufig in der Inszenierung "La Bayadère" an der Staatsoper Unter den Linden auf.
Schüler der Staatlichen Ballettschule traten zuletzt h?ufig in der Inszenierung "La Bayadère" an der Staatsoper Unter den Linden...Foto: Mike Wolff

Zudem wird die Clearingstelle dahingehend zitiert, dass Kritiker ?nicht geh?rt und unter Druck gesetzt wurden, um eine ?nderung von Meinung und Haltung zu erwirken“. Die ?Angst“ bestehe darin, ?vorgeführt, angeschrien, beschimpft zu werden“. Es l?gen Berichte zu Folgen dieser ?ngste vor, wie Selbstverletzungen, Essst?rungen, Drogengebrauch, Instabilit?t.

Somit gebe es an der Schule eine ?Polarisierung“ zwischen glanzvollen Bühnenauftritten und rigiden Trainings- und Umgangsformen ?bis hin zu physischer und psychischer Gewalt“. Am Ende ihrer Stellungnahme konstatiert die Clearingstelle, dass es an der Schule ?Kontexte und Bedingungen“ gebe, die ?Kindeswohlgef?hrdung begünstigen“.

Die Reputation im Blick

Die Experten attestieren der Schule eine ?Dominanz der Elitenausbildung gegenüber der Allgemeinbildung“. Diese Dominanz ergibt sich allerdings zwangsl?ufig aus der au?ergew?hnlichen ?Einrichtungsverfügung“ der Schule: Sie besagt, dass die Vermittlung einer Allgemeinbildung zwar ?angestrebt“ werde. Im Vordergrund stehe aber, die Schüler auf ihren Einsatz in Kulturleben und Showgesch?ft vorzubereiten. Die Verfügung ist so kategorisch formuliert, dass das Landesamt für Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz daraus ableitete, dass lange Abendauftritte gepaart mit ganzt?gigem Schulprogramm nicht zu beanstanden seien – zur Verwunderung von Eltern, die sich hilfesuchend an das Amt gewandt hatten.

Senatorin Scheeres verkündete 2017 mit dem damaligen Leitungsteam Seyffert und Stabel (re.) die Gründung des Landesjugendballetts.
Senatorin Scheeres verkündete 2017 mit dem damaligen Leitungsteam Seyffert und Stabel (re.) die Gründung des Landesjugendballetts.Foto: Christophe Gateau/dpa

Hier schl?gt die Expertenkommission die Brücke zum Landesjugendballett, das den Schülern die h?ufigen Auftritte beschert: Es war 2017 von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) an der Schule gegründet worden. Die Auftritte h?tten in erster Linie der ?Reputation der Schule im professionellen und internationalen Ballettbetrieb“ gedient. Dieser Fokus habe Folgen für die Struktur der Schule ?und für die damit verbundene Frage der Sicherung des Kindeswohls“.

Die meisten Schüler werden vor dem Abschluss "abgeschult"

Zum Kindeswohl geh?rt für die Kommission auch, dass das Aufnahmeverfahren sowie das frühe Einschulungsalter infrage gestellt werden müssten. Da nur ein Bruchteil der Kinder die Schule von der Aufnahme in Klasse 5 bis zum Abschluss durchlaufe, müsse mehr getan werden, um die gescheiterten Schüler aufzufangen und zu begleiten. Zudem stimme etwas nicht ?hinsichtlich der Validit?t der bestehenden Aufnahmekriterien“.

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Das vielfache ?Abschulen“ der Schüler hat Folgen: Es muss st?ndig international ?Nachschub“ herangeholt werden, um die Lücken zu füllen. Aus dieser ?Globalisierung“ ergibt sich für die Kommission die Frage, ?inwieweit die Ausbildung von international ausgew?hlten Schülern zu Spitzenballettt?nzern zur Aufgabe des Berliner Schulwesens geh?rt“.

Berlin scheut seit keine Ausgaben, wenn es um die Staatliche Ballettschule geht - weder baulich noch personell.
Berlin scheut seit keine Ausgaben, wenn es um die Staatliche Ballettschule geht - weder baulich noch personell.Foto: promo

Wenig Raum nehmen im Bericht die freigestellten Leiter der Schule und des Landesjugendballetts, Ralf Stabel und Gregor Seyffert, ein. So hei?t es etwa, dass die Schulleitung bei der Bewirtschaftung der Finanzmittel ?gro?e Gestaltungsspielr?ume“ gehabt habe. Dieser Komplex wird von einer externen Wirtschaftsprüfung beleuchtet. Beide Leiter wollen vor dem Arbeitsgericht ihre Wiedereinsetzung erreichen.

Ralf Stabel ist kein P?dagoge, sondern Tanzhistoriker und promovierte zum Thema Tanz und Politik. Seyffert - mit Auszeichnungen überh?uft - gilt als einer der bekanntesten deutschen Tanzpers?nlichkeiten.

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Die Expertenkommission hat ihre Arbeit noch nicht beendet: Im Herbst folgt der Abschlussbericht. Es wird auch darum gehen, welche Rolle die Schulaufsicht spielte. Ferner müsse gekl?rt werden, ?ob die Entwicklung der Schule zu einem wichtigen Teil der internationalen Ballettwelt und ihre Ausrichtung auf künstlerische Spitzenleistungen politisch gewollt ist oder sich nur aus den Interessen und der Initiative der Leitung der Schule erkl?rt“.

So breit ist die Kommission aufgestellt

Um diese vielf?ltigen Fragen beantworten zu k?nnen, ist die Kommission thematisch breit aufgestellt: Neben Klaus Brunswicker geh?ren ihr Stefanie Fried, Referentin für Kinderschutz bei ?Save the Children“, Andreas Hilliger, früherer Abteilungsleiter im Brandenburger Bildungsministerium, Patrick Lang, schulpsychologisches Beratungszentrum Charlottenburg-Wilmersdorf sowie Udo W?lkerling, Leiter von ?Kind im Zentrum“, an.

Als Fachmann in Sachen "Eliteschule" ist Matthias R?sner dabei, der Leiter der Eliteschule des Sports im Olympia-Park. In rechtlichen Fragen wird die Kommission durch den Berliner Rechtsanwalt Thomas Jürgens beraten.

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