Vorher-nachher-Vergleich : Der 1. Mai in Kreuzberg mit und ohne Corona-Krise

Wer den Trubel sucht, musste früher nur zum Myfest fahren. 2020 ist davon nichts zu sehen. Unser Fotovergleich zeigt, wie die Pandemie die Stra?en ver?ndert hat.

Kitty Kleist-Heinrich
2018
Fotovergleich 1. Mai
Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka/dpa
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Jahrelang galt am Tag der Arbeit in Kreuzberg nur ein Gesetz: Alle raus zum Myfest! Massen str?mten nach "36", dr?ngten sich durch die Oranienstra?e, schoben sich vom Kotti in Richtung Bethanien oder suchten ein freies Pl?tzchen auf den Wiesen am Oranienplatz.

Musik, Düfte und Gel?chter erfüllten die Stra?en, und wer dem ganzen Trubel einfach nur entfliehen wollte, musste hoffen, dass der G?rlitzer Bahnhof nicht l?ngst wegen überfüllung geschlossen war.

Der Einschnitt, den die Corona-Krise bedeutet, k?nnte an einem Tag in Berlin im Frühling 2020 kaum deutlicher sichtbar werden als an diesem 1. Mai. Der Himmel war blau wie eh und je am Freitag, vielleicht noch etwas blauer, da l?ngst nicht mehr so viele Autoabgase in der Luft sind wie sonst.

Das Myfest aber: abgesagt. Die Stra?en: verlassen. Kreuzberg: irgendwie verloren. Unsere Fotografin Kitty Kleist-Heinrich ist am 1. Mai durch Kreuzberg gezogen und hat die Schaupl?tze des Myfests fotografiert, wie sie sich an diesem Corona-Tag gezeigt haben. Dem stehen Bilder vergangener Jahre gegenüber - aus ann?hernd derselben Perspektive. Wenn Sie den Regler in der Bildmitte hin und her schieben, k?nnen Sie im Vorher-nachher-Vergleich die Unterschiede sehen.

Nehmen wir zum Beispiel die Oranienstra?e. Vor einem Jahr: Flaneure überall, Verzehrst?nde an den Seiten. Heute: leere Gehwege, geparkte Autos am Stra?enrand, ein Polizeibulli, der tagsüber schon für die trotzdem erwarteten autonomen Proteste bereitstand. Kreuzberg bleibt eben doch Kreuzberg.

2019
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Mike Wolff
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Vor drei Jahren: der Blick vom Mariannenplatz die Mariannenstra?e entlang, Menschen bis zum Horizont, bis zur Hochbahn, so scheint es. Buntes Treiben auf dem Myfest - nicht nur wegen der Luftballons rechts im Bild. Dagegen der 1. Mai 2020: Fast schon traurig steht von allen guten und b?sen Geistern verlassen ein Polizeibulli auf halber Strecke.

2017
Fotovergleich 1. Mai
Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Seit 2003 gibt es das Myfest. Mit der Zeit wurde es so popul?r, dass die Leute auswichen, es sich ganz natürlich über den eigentlich abgesperrten Bereich hinaus ausdehnte - etwa in den G?rlitzer Park, den der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg 2019 mit dem "MyG?rli" offiziell mit einbezog.

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Schon 2018 war hier jedoch so viel los, dass von Mindestabstand kaum die Rede sein konnte. In diesem Jahr war das hingegen kein Problem.

2018
Fotovergleich 1. Mai
Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Schlendern und chillen: Blick vom Oranienplatz in die Oranienstra?e.

2019
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Mike Wolff
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Polizisten zur Durchsetzung von Kita-Schlie?ungen? Nein, das war 2015, sie standen an der Reichenberger Stra?e bereit für die "Revolution?re 1.-Mai-Demo" am Abend. Der Kinderladen "Kunterbunt" war damals wie heute dicht (aber nur für einen Tag).

2015
Fotovergleich 1. Mai
Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bei uns natürlich links im Bild: die Autonomen von der Demo im Jahr 2009. Schon damals vorbildlich mit Gesichtsmaske ausgestattet, wobei die Herrschaften sich wahrscheinlich nicht aus Gründen des Infektionsschutzes verhüllt haben. Die Fotos zeigen die Skalitzer Stra?e, Ecke Mariannenstra?e.

2009
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Mike Wolff
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kein Durchkommen: die "Revolution?re 1.-Mai-Demo" an der Warschauer Stra?e, also auf Friedrichshainer Seite der Spree, vor genau einem Jahr - am 1. Mai 2019. Polizisten bilden eine feste Kette, vorn dr?ngt sich der "schwarze Block", die ganze Stra?e ist voller Menschen. Zum Vergleich: 2020 nicht einmal ein Auto unterwegs auf der wichtigen Verkehrsachse. Allerdings müssen wir bei diesem Bildervergleich darauf hinweisen: die Aufnahmen sind zu ganz unterschiedlichen Uhrzeiten entstanden.

2019
Fotovergleich 1. Mai
Foto: imago/Tim Wagner
2020
Fotovergleich 1. Mai
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Abstandsgebot hin oder her: Am Abend dieses 1. Mai 2020 gab es dann doch noch ein gr??eres Demo-Geschehen. Die Autonomen wollten sich von der Corona-Krise und den staatlichen Vorschriften zur Eind?mmung der Pandemie ihren Protest nicht nehmen lassen und hatten deshalb dazu aufgerufen, sich die Oranienstra?e zu "nehmen". Dabei sollten natürlich die Abstandsregeln beachtet werden - was sich bald als illusorisch erwies. Stattdessen gab es stundenlange Spielchen mit der Polizei.

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Es ist nicht frei von Ironie, dass erst die Corona-Krise den Linken wieder den Spielraum er?ffnete, den ihnen das Myfest einst genommen hatte. In den vergangenen Jahren kam es sogar immer wieder vor, dass die Demo der Revolution?re schlichtweg in den Menschenmassen steckenblieb. Das war in diesem Jahr tats?chlich anders.

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