Zwischen Lifestyle und Olympia : Die BMX-Szene in Berlin k?mpft mit vielen Problemen

BMX boomt, Freestyle wird erstmals olympisch. Eine junge Berlinerin hofft auf eine Medaille – doch in der Stadt fehlen gute Trainingsbedingungen.

Ein BMX-Fahrer in der Skaterhalle auf dem RAW Gel?nde.
Ein BMX-Fahrer in der Skaterhalle auf dem RAW Gel?nde.Foto: Mike Wolff

An einem verregneten Sonntagabend Punkt acht Uhr ist Schichtwechsel in der alten Fabrikhalle auf dem Berliner RAW-Gel?nde. Verschwitzte Jungs mit Hoodies, Sneakern und Caps treten hinaus in die Dunkelheit, ihre Skateboards unterm Arm.

Ihnen kommen andere gestylte Jungs entgegen, ebenfalls mit Hoodies, Sneakern und Caps, statt Skateboards schieben sie Minir?der neben sich her, einige M?dels sind auch dabei. Rund 150 kommen heute – es ist die versammelte Berliner BMX-Szene.

An diesem?Abend kurz vor dem Ausbruch des Coronavirus geh?rt ihnen für die n?chsten vier Stunden die 800 Quadratmeter gro?e Skatehalle. Die R?der rutschen über Gel?nder und Kanten, ?grinden“ hei?t das im Fachjargon. Die BMX-Fahrer springen von Treppen und Rampen, einige fahren rückw?rts, andere nur auf dem Vorderrad oder freih?ndig.

Mal wird der Lenker im Sprung mehrfach um die eigene Achse gedreht, mal das BMX auf dem Hinterrad balanciert. ?Fetter Move“, jubeln ein paar Jugendliche, die auf der Tribüne am Rand sitzen und Sterni trinken.

BMX, kurz für Bicycle Motocross, das ist Sport auf 20-Zoll-R?dern mit hohem Lenker. Die Fahrer wetteifern in den Disziplinen Race, bei der sie wie Motocross-Fahrer abseits von Stra?en über Hügel und Buckelpisten rasen, und Freestyle, bei der es um Tricks geht, das kunstvolle Springen und Drehen von Pirouetten.

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Genaue Zahlen zu aktiven BMX-Fahrern gibt es nicht, denn die wenigsten sind in Vereinen organisiert. Doch dass die Sportart, die Mitte der achtziger Jahre schon einmal eine Blütezeit erlebte, in Deutschland seit Jahren wieder boomt, das bestreitet niemand.

Wer BMX f?hrt, gilt als cool, kreativ und frei. Es geht um die au?ergew?hnlichsten Tricks, um Klamotten, Musik und Zusammenhalt. BMX ist ein Lebensgefühl. Und in kaum eine Stadt passt das so gut wie nach Berlin. Nirgends in Deutschland ist die Szene gr??er und diverser. Nirgends sind auch die Hoffnungen und Hoffnungstr?ger pr?senter.

Lara Lessmann ist Deutschlands BMX-Medaillenhoffnung

Doch die Nischen, in denen sich der BMX-Sport entfalten kann, werden in der wachsenden Stadt kleiner und professionelle Strukturen gibt es kaum. Darunter leidet auch Lara Lessmann. Die 20-J?hrige ist Deutschlands Medaillenhoffnung im BMX-Freestyle-Wettbewerb, der bei den Spielen in Tokio 2021 erstmals olympisch sein wird.

Lara Lessmann ist 20 Jahre alt und will bei den Olympischen Spielen in Tokio n?chstes Jahr eine Medaille holen.
Lara Lessmann ist 20 Jahre alt und will bei den Olympischen Spielen in Tokio n?chstes Jahr eine Medaille holen.Foto: Mike Wolff

Mit schwarzer Kleidung, bunten Handschuhen, rotem BMX und kleiner Deutschlandflagge am Helm steht sie an diesem Abend in der RAW-Skatehalle als eine der wenigen Frauen zwischen den M?nnern, die sie allesamt überragen. ?Vor drei Jahren h?tte ich gesagt, dass es Gold wird. Jetzt muss ich froh sein, wenn es überhaupt eine Medaille wird“, sagt sie.

Ihr Problem? Die Trainingsbedingungen. Wegen der besseren Umst?nde ist sie bereits vor drei Jahren von Flensburg nach Berlin gezogen, aber auch hier gibt es keine Halle für BMX-Fahrer. Vor allem im Winter ist das ein Problem. Nur einmal im Monat finanziert ihr Sponsor, ein Berliner BMX-Gesch?ft, vier Stunden in der RAW-Skatehalle – die allerdings viel zu voll ist und keine richtigen Freestyle-Anlagen bietet.

Lessmann ist neben dem Sport, auch noch ein Mensch

In den Wintermonaten fliegt Lessmann deshalb regelm??ig nach Barcelona oder Zürich, wo es gro?e BMX-Hallen mit Schaumstoffmatten zum üben gibt. Trotzdem will sie dauerhaft in Berlin bleiben, schon jetzt hat sie auf jeder Reise Heimweh. ?Ich bin neben dem Sport ja auch noch ein Mensch.“

Die Skaterhalle auf dem RAW Gel?nde ist eine der wenigen Trainingsm?glichkeiten für BMX-Fahrer in Berlin.
Die Skaterhalle auf dem RAW Gel?nde ist eine der wenigen Trainingsm?glichkeiten für BMX-Fahrer in Berlin.Foto: Mike Wolff

In der RAW-Skatehalle fühlt sie sich zu Hause. Fast jeder begrü?t sie mit Ghettofaust, sie lacht viel. ?Das Besondere am BMX ist die Gemeinschaft. Mit jedem hier verbindet mich eine kleine Freundschaft“, sagt Lessmann. Seit sie neun ist, trainiert sie fast ausschlie?lich mit Jungs.

?Ich würde mir aber wünschen, dass mehr M?dels fahren.“ Sie steht am Rande einer Bowl, einer Wanne, deren W?nde fünf Meter tief steil abfallen. Ein Jugendlicher ruft seinem Kumpel zu: ?Boah, da würde ich mich nicht mal trauen reinzufahren.“ W?hrend sie nur mal schauen, stürzen sich ein paar Fahrer halsbrecherisch hinab – und lassen sich auf der anderen Seite wieder hochkatapultieren.

Sie hat noch viel vor

Teilweise meterhoch. Ein paar ganz Verrückte schrauben sich in die Luft, wirbeln ihr Rad unter dem K?rper durch, überschlagen sich. So schnell, dass man es mit blo?em Auge kaum nachvollziehen kann. Lessmann f?hrt heute vorsichtiger. Blo? nicht stürzen! Sie hat noch viel vor.

Fetter Move – BMX steht für Bicycle Motocross.
Fetter Move – BMX steht für Bicycle Motocross.Foto: Mike Wolff

Einer, der seit Jahrzehnten die Bedingungen für die Berliner BMX-Szene verbessern will, ist Max Tuchtenhagen. Der 46-J?hrige war selbst mal ganz passabler Skateboarder, die Szenen überschneiden sich. Heute ist das Knie kaputt und er sitzt in einem beheizten Schiffscontainer an seinem Laptop, alle paar Minuten klingelt das Telefon.

Tuchtenhagen gilt als Stimme der Szene, moderiert Wettk?mpfe und leitet mit einer kleinen Gruppe das Skate- und BMX-Gel?nde ?Mellowpark“ in K?penick. Tuchtenhagen, mit gro?er Hipster-Brille und Schlabberpulli, berlinert stark und spricht wie ein Jugendlicher. Alles ist wahlweise ?cool“, ?mega“, ?l?ssig“ oder ?fett“. In der Ecke stehen zwei Kochplatten und eine Kaffeemaschine – der einzige Luxus im Mellowpark.

Seit 20 Jahren k?mpf der Mellowpark ums überleben

Zwar gilt das Areal als gr??ter Skateboard- und BMX-Park Europas. Auf 60.000 Quadratmetern stehen Rampen, Bowls, Gel?nder und es gibt eine gro?e Rennstrecke. Doch die Bedingungen sind prek?r. ?Wir k?mpfen hier seit 20 Jahren ums überleben“, sagt Tuchtenhagen. Mit viel überzeugungskraft habe er vom Bezirk einen Mietvertrag bis 2035 erhalten.

BMX entstand Ende der Sechzigerjahre in den USA. Seit Jahren ist der Sport auch in Deutschland beliebt.
BMX entstand Ende der Sechzigerjahre in den USA. Seit Jahren ist der Sport auch in Deutschland beliebt.Foto: Mike Wolff

Selbst Union Berlin, deren Stadion direkt gegenüberliegt, stachen sie aus. Blo?: Eine überdachte Halfpipe oder eine Halle gibt es auch hier nicht. ?Lara steht im Winter an der Rampe und versucht sie mit dem Bunsenbrenner zu trocknen“, sagt Tuchtenhagen. Er besch?ftigt sie offiziell als Praktikantin. Ihr Job? ?Die beste Freestylerin der Welt zu werden.“

Doch im Mellowpark ist das quasi unm?glich. Zwar bezuschussen Bund, Land und Bezirk die Sportanlage, trotzdem fehlt den Organisatoren das Geld. Weil der Park eine 750 Meter lange Grenze zur Stra?e habe, müsse man allein der BSR eine fünfstellige Summe j?hrlich überweisen. ?Wir machen hier Workshops, um die Stra?enreinigung zu finanzieren“, sagt Tuchtenhagen.

Für alle offen, au?er für Nazis

Das Gel?nde ist für ihn mehr als nur Skate- und BMX-Park. ?Wir wollen Wegbegleiter sein.“ Die Besucher k?nnen den Basketballplatz nutzen, an Graffitiwettbewerben teilnehmen und Lagerfeuer machen. Im Pavillon werden Snacks und Getr?nke verkauft, im Sommer soll am Spreesteg Stand-up-Paddling angeboten werden. ?Wir sind für alle offen. Au?er für Nazis.“

Ob er über die Kante grinden will? Ein BMX-Fahrer im RAW-Gel?nde.
Ob er über die Kante grinden will? Ein BMX-Fahrer im RAW-Gel?nde.Foto: Mike Wolff

Ein Ort, der Jugendlichen Raum zur Entfaltung gibt – ohne Aufsicht von Eltern oder anderen Erwachsenen. ?Hier muss man sich den Respekt erarbeiten. An der Rampe fahren die am h?ufigsten, die die dicksten Eier haben.“ Und manchmal sind das eben die M?dels. Eine Schule fürs Leben, glaubt Tuchtenhagen. Er selbst wurde so geschult.

Ende der Achtziger, als Berlin noch geteilt war und wenig mit BMX, Skatern und solchen Dingen zu tun hatte. Als er aus K?penick an den Alexanderplatz fuhr, um ein paar ?coole, ?ltere Jungs“ auf ihren Boards zu bewundern. Anfangs, so erz?hlt er, stand er nur daneben, übte erst, wenn alle weg waren. Doch er kam jeden Tag, wurde irgendwann angesprochen und bald in den Kreis aufgenommen. ?Das war das Gr??te“, sagt er. Heute funktioniere das genauso. An der Rampe sind alle gleich – Skater wie BMX-Fahrer.

?Wir brauchen Olympia nicht, aber Olympia braucht uns“

Die Berliner BMX-Szene ist inzwischen erwachsen geworden. ?Und das Herz liegt in K?penick“, erg?nzt Tuchtenhagen stolz. Die alten Fahrer von früher kommen gemeinsam mit ihren Kindern in den Mellowpark. Allein in Sachen Olympia ist die Szene sich uneins. Die Jungen finden die neue Entwicklung super, die Alten lehnen das enge Regelkorsett ab. Weniger Kreativit?t, weniger Coolness, weniger Lifestyle.

Dieser Text ist im aktuellen Tagesspiegel-Magazin ?Radfahren“ erschienen. Erh?ltlich in jedem Kiosk. Es kostet 9,80 Euro.
Dieser Text ist im aktuellen Tagesspiegel-Magazin ?Radfahren“ erschienen. Erh?ltlich in jedem Kiosk. Es kostet 9,80 Euro.Foto: Tsp

?Wir brauchen Olympia nicht, aber Olympia braucht uns“, sagt Tuchtenhagen, schlie?lich wollten die Olympia-Funktion?re vom jugendlichen Glanz der BMX-Szene profitieren. Trotz seiner Abneigung sieht er sich als Brückenbauer. Deshalb unterstützt er Lessmanns Ambitionen und versucht, die Trainingsbedingungen zu verbessern. Auf Youtube haben er und seine Mitstreiter ihre ?Mellowpark Vision 2024“ ver?ffentlicht, ein Promo-Video.

Darin zu sehen: ein skatebares Parkhaus, ein neues Jugendzentrum, ein Superpark für BMX-Freestyle und eine ausgebaute Race-Strecke mit Haupttribüne für 2000 Menschen. Im Zentrum steht ein BMX-Freestyle-Leistungszentrum mit Sportlerunterkünften, Fitnessr?umen und einem Indoorpark. ?Mit dem Mellowpark 2024 w?chst die Sportmetropole Berlin weiter und wird BMX-Hauptstadt Europas“, hei?t es in dem Video selbstbewusst.

Im Herbst soll eine gro?e Halfpipe fertig werden

Die Realit?t vor Tuchtenhagens Schiffscontainer sieht derweil anders aus. An einem trüben Frühjahrstag verschrauben in einer Halfpipe zwei Bauarbeiter neue Bodenplatten, aus einer Box dr?hnt Hip-Hop-Musik, ansonsten ist nichts los im Mellowpark. Wenige Tage sp?ter ist sogar noch weniger los. Zur Eind?mmung des Coronavirus musste der Mellowpark für mehrere Wochen schlie?en.

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Doch mittlerweile rollen, rutschen und springen sie wieder mit ihren Mini-R?dern. Stundenweise kann man die Anlagen nun online buchen und zu zweit oder als Familie nutzen. Abstand und Hygiene auch an der Rampe.

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Im Herbst soll dann eine gro?e Halfpipe fertig werden, überdachte Rampen k?nnten folgen. Lara Lessmann wird sich dann besser auf Olympia vorbereiten k?nnen. Und auch, wenn es in Tokio nichts wird: Die Olympischen Sommerspiele 2024 finden in Paris statt. Lessmann ist dann 24 Jahre. Kein Alter. Auch nicht für eine BMX-Fahrerin.

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