Kinderschutz in der Krise : Nichthandeln kostet Leben

Schon in normalen Zeiten droht Kindern in ihren Familien Gewalt – wie wird es dann jetzt aussehen? Ein Aufruf zum Hinschauen und Handeln.

Den ganzen Tag zu Hause - nicht für alle Kinder ist das ein sicherer Ort.
Den ganzen Tag zu Hause - nicht für alle Kinder ist das ein sicherer Ort.Colourbox

Kennen Sie mittlerweile auch alle Zahlen zum Coronavirus? Seit Wochen kann man sich über die wirtschaftlichen, gesundheitlichen und politischen Folgen umfassend informieren. Jede noch so kleine Ver?nderung wird haargenau dokumentiert.

Wahrscheinlich h?tte ich mir keine weiteren Gedanken gemacht, w?ren mir nicht zuf?llig die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik in die H?nde gelangt. Dort steht, dass jede Woche in Deutschland drei Kinder an den Folgen von Gewalt sterben, zehn bis zw?lf Kinder jeden Tag misshandelt und t?glich 40 Kinder sexuell missbraucht werden.

Das sind übrigens nicht die Zahlen, die die Beh?rden w?hrend des Shutdowns ermittelt haben, sie stammen aus der Zeit, als Kitas und Schulen noch ge?ffnet waren. Was Kinder wohl gerade durchleben müssen ohne den Schutz ihrer ErzieherInnen, LehrerInnen und den JugendamtsmitarbeiterInnen?

Wenn 40 Kinder am Tag sexuell missbraucht werden, obwohl sie den halben Tag in der Schule oder Kita sind, wie hoch muss dann die Zahl sein, wenn die gef?hrdeten Kinder nun den ganzen Tag zu Hause sind? Wir leben in Zeiten, in denen die Rettung des Autos mehr Aufmerksamkeit bekommt als die Rettung von Kindern.

Worauf richten wir unser Augenmerk?

Wir leben in Zeiten, in denen wir Spenden für das Lieblingsrestaurant sammeln, statt uns dafür einzusetzen, dass Jugend?mter mehr Personal bekommen und MitarbeiterInnen besser bezahlt werden.

Wir leben in Zeiten, in denen Familien aus 120-Quadratmeter-Wohnungen mit drei Computern darüber berichten dürfen, wie anstrengend Homeschooling ist, statt dass wir unser Augenmerk auf jene Leute richten, die ihre Aggressionen an ihren Kindern entladen.

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Bis zu 100 Familien müssen einzelne JugendamtsmitarbeiterInnen betreuen und stie?en schon vor der Pandemie an die Grenzen.

Und jetzt fehlen auch noch die, die entweder selbst in Quarant?ne sind, zur Risikogruppe geh?ren oder die wegen der direkten Kontaktsperre und aus Angst vor Ansteckung die Kontrollbesuche bei den Familien einstellen mussten.

Kritik der Fachleute

?Niemand kann sagen, wie viele Kinder gerade Hilfe ben?tigen“, sagte die Leiterin des Jugendamtes Treptow-K?penick, Iris H?lling. Es besorge sie, dass dort, wo es vorher schon Gewalt, Misshandlungen und sexuellen Missbrauch gab, es jetzt noch h?ufiger ungehindert und unbeobachtet stattfinden k?nne.

Deshalb schrieben vor einem Monat 100 WissenschaftlerInnen einen Brandbrief an die Politik und forderten einen nationalen Krisenstab für mehr Kinderschutz in der Coronakrise. Die Fachleute kritisierten, dass in Zeiten, in denen der Kinderschutz und Jugendhilfen ausgebaut werden müssten, Hilfen sogar noch zurückgefahren werden.

Verantwortung wahrnehmen und hinschauen

Umso wichtiger ist es, dass jeder von uns sich seiner Verantwortung als FreundIn oder NachbarIn bewusst wird und genauer hinschaut, was im eigenen Umfeld passiert. Das hei?t nicht, die Nachbarsfamilie zu überwachen oder zu denunzieren.

Aber solange die Schweigespirale in der Gesellschaft h?lt, bleibt das eigene Zuhause für die betroffenen Kinder kein guter Ort. Und so k?nnen sich die T?terInnen in Sicherheit wiegen, w?hrend sich die Opfer noch st?rker allein gelassen fühlen.

Handeln kostet Geld, Nichthandeln kostet Leben. Mitten unter uns werden Kinder tagt?glich geschlagen, gequ?lt und get?tet. Um das zu ?ndern, muss der Staat genauso wie für die Wirtschaft Geld in die Hand nehmen.

Damit alle Institutionen, die Kinder schützen, personell so besetzt werden k?nnen, dass kein einziges Kind mehr Gewalt und Missbrauch erleiden muss.

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?Hotlines und Hilfsangebote in der Krise?

Bundeshilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": kostenlos unter 08000 116 016 (rund um die Uhr, t?glich), Online-Beratung: www.hilfetelefon.de

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: kostenlose und anonyme Beratung unter 0800 – 22 55 300 (Mo, Mi, Fr: 9-14 Uhr, Di und Do: 15 bis 20 Uhr), Online-Beratung unter www.save-me-online.de

Beratungsstellen Gewalt gegen Frauen und M?dchen:? www.frauen-gegen-gewalt.de/de/hilfe-vor-ort.html

Bundesbeauftragten für Missbrauch :?www.kein-kind-alleine-lassen.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 116111 (kostenfrei von Handy und Festnetz, Mo-Sa 14-20)

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufkl?rung https://www.kindergesundheit-info.de/coronavirus-elterninformationen

Nationales Zentrum frühe Hilfen https://www.elternsein.info/beratung-anonym/anonym-kostenlos/corona-zeiten-beratung-jetzt-fuer-eltern/

Muslimisches Seelsorgetelefon 24 Stunden unter 030 4435 09821, dienstags auch auf Türkisch.

?kumenisches Corona-Seelsorgetelefon von 8 bis 24 Uhr unter 030 403 665 885

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