Fernsehen in Zeiten des Virus : Das Medium der Massen

In der Stunde der Katastrophe zeigt sich, welchen Medien die Menschen am meisten vertrauen - und was vertrauenswürdige Fernsehgesichter ausmacht.

Norbert Schneider
Mit Corona-Abstand bei ?hart aber fair“: Anchormen wie Frank Plasberg (rechts) versuchen, zumindest für eine gewisse Zeit Ruhe in die Unruhe zu bringen.
Mit Corona-Abstand bei ?hart aber fair“: Anchormen wie Frank Plasberg (rechts) versuchen, zumindest für eine gewisse Zeit Ruhe in...Screenshot: Tsp

Von Stanislav Jercy Lec stammt der Satz: ?Vergessen wir nicht, dass auch uns die Bakterien – von der anderen Seite des Mikroskops – betrachten.“ Nehmen wir einmal an, diese ironische Metapher würde Realit?t beschreiben – was würde das Virus beim Blick durch die Linse zu sehen bekommen, wenn es sich für Fernsehen interessierte? Dass es in minimaler Zeit maximale Aufmerksamkeit gefunden hat: eine gro?e Zahl von Sendungen mit gro?en Quoten. Das Virus s?he uns mit gewaschenen H?nden voller Spannung vor dem Schirm sitzen. Doch nicht nur uns, die Treuen, sondern auch hartleibige Fernsehver?chter, die heimlich zuschauen, was sie nie zugeben würden. Das Virus würde Alexander Kluge recht geben, wenn er sagt, dass das Leitmedium immer das Medium ist, um das sich das Publikum im Angesicht der Katastrophe schart. Das Virus würde ergriffen raunen: Fernsehen – ein tolles Medium! Da kommen wir vor.

Ist es also wie immer? Schiffbruch mit Zuschauer (Hans Blumenberg), so wie bei Lengede und Winnenden, bei 9/11 und dem Tsunami? Auf den ersten Blick: ja. Die Menschen suchen im Moment des Schreckens Halt und Verl?sslichkeit. Die finden sie in den Autorit?ten, denen sie im Zweifel vertrauen. Die ihnen erkl?ren, was da gerade passiert. So wie der Notstand für die Politik die ?Stunde der Exekutive“ ist (Carl Schmitt), so ist das Fernsehen in der Stunde der Katastrophe das Medium der Massen, die Stunde der Anchorwomen und Anchormen. Sie vereinfachen, bündeln, suggerieren überblick und haben ihn vielleicht auch. Es ist die Stunde der s?kularen Hohepriester, die uns sonst gelegentlich durch ihr Gehabe auf den Geist gehen k?nnen, deren Geist jetzt aber Konjunktur hat, solche wie Marietta Slomka, Claus Kleber und Harald Lesch, Caren Miosga, Ingo Zamparoni und Frank Plasberg, die für eine halbe Stunde oder eine ganze Ruhe in die Unruhe bringen (wollen). Die man jetzt pl?tzlich auch mit milderen Augen sieht. Die sich kümmern. Denen man die Anstrengung anmerkt.

Nicht neu, aber anders

Die verbindende Kraft der Katastrophe, die Versammlung der Mediennomaden am elektronischen Lagerfeuer ist zun?chst nichts Neues. Und doch ist es diesmal anders. Nicht nur, dass man sich nicht zu Gottesdiensten versammeln kann. Nicht nur, dass jeden Zuschauer das treffen kann, wovon er da h?rt. Neu ist, dass das Virus nicht erkennen l?sst, wie lange es uns und wen unter uns es qu?len wird. Das kennen wir so nicht. Und das nicht nur, weil wir 1918/19 nicht dabei waren, als die Spanische Grippe tobte. Sondern auch, weil wir zum ersten Mal in aller Sch?rfe erleben, was es hei?t, wenn das Analoge am Ende alles Digitale sticht.

Zun?chst freilich protzt das Digitale, nicht nur mit dem Homeoffice oder der Digital Hall; und mit Igor Levit über Twitter, sondern auch als der breite Strom der Information. Er quillt aus dem Netz und mischt sich. Es gibt seri?se Nachrichtenportale und eine Menge weniger seri?se Wichtigtuer, von denen man nicht wei?, ob sie faken, sich lustig machen oder einfach ihren Verschw?rungstheorien die Sporen geben. Das Gerücht mischt kr?ftig mit. Publizistische Trittbrettfahrer lassen es krachen. Mehr als sonst st??t man auf Gefühlsprosa (?Schreib! Deine! Gefühle!“), die sich als Information verkleidet. Ein Video jagt das andere.

Doch je mehr davon zu haben ist, desto wichtiger wird das Leitmedium Fernsehen. Es muss die Antwort auf die Frage geben, was von alledem als wichtig und richtig übrig bleibt: auch hier eine Triage, die sortiert, von Relevanz bis Müll. Das ist zugleich die Güteprüfung für ein Fernsehen in schweren Zeiten. Mein Eindruck ist: bisher hat das Fernsehen diese Prüfung bestanden. Dem Virus, das durch die Linse blickt, kann das nicht recht sein. Denn es mindert seinen Einfluss. Auf dem schmalen Grat zwischen Panikmache und verlegener Schweigsamkeit bewegen sich ARD und ZDF nur selten zu schnell und zu aufgeregt. In der Regel halten sie ihr Publikum mit dem Wichtigsten und mithilfe der Wichtigsten, der Virologen und der politischen Entscheider, auf dem Laufenden.

Warum sind die Sender sonst nicht so flexibel?

Da mag man sich an dem Gockelgehabe mancher Experten st?ren, denen ihr Image wichtiger ist als das Publikum. Oder an den immer gleichen sprachautomatischen Politikern. Und wie immer ist das den einen alles zu viel, und die anderen k?nnen nicht genug davon bekommen. Doch das bleibt am Ende belanglos. Denn bei allen Verboten existiert noch immer die pers?nlich verfügbare Freiheit des Ein- und Ausschaltens. Zudem zeigen sich ARD und ZDF – weshalb nur jetzt? – erstaunlich flexibel. Gert Scobel rühmt, was für ihn das Normale w?re: dass ?der Programmablauf einfach ge?ndert“ wird. Dabei geht es diesmal nicht um Sport, den man erst vermisst und dann vergisst. Ein so einfaches wie geniales Format wie der NDR-Podcast (ja, auch das Radio blüht auf) mit Christian Drosten fesselt mehr als der dritte Fehlschuss im vierten Biathlon am fünften Wochenende. Es gibt neue Zielgruppenprogramme, ausgegraben aus dem sonst eher ausgetrockneten Boden der redaktionellen Fantasie, die daran erinnern, was Fernsehen auch noch kann.

Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann allenfalls ein Defizit an Programmen, die das Kollaterale dessen behandeln, was der Virus sonst noch alles an- und hinrichtet, was neben Medizin, Hygiene und B?rse im Verborgenen passiert. Was macht der Virus aus einer reisefreien Gesellschaft, die gestern noch nahezu überall hinfliegen konnte? Welche Daseinsfragen werfen Quarant?ne, Kontaktsperre, Ausgangssperre, Notstand usw. auf? Lec warnt: ?Die Verfassung eines Staates sollte so sein, dass sie die Verfassung der Bürger nicht ruiniert.“ Was wird aus jenem Sch?pferwort, dass es nicht gut sei, wenn der Mensch allein ist? Woher kommt die Bereitschaft, sich staatlichen Verboten pl?tzlich widerspruchslos zu fügen? Wie kommt es, dass die ?alten (b?sen) wei?en M?nner“ pl?tzlich Teil einer ?Risikogruppe“ werden und Objekte einer kollektiven Zuwendung? Was ist mit Kant und seiner Handlungsmaxime? Wie kann es dazu kommen, dass das Wappentier einer Zivilgesellschaft vorübergehend der Hamster wird? Und wenn das alles von der Angst kommt, woher kommt dann diese Angst? Steht das Virus für diese bedrohliche Mischung aus Unsichtbarkeit und Fremdheit unversch?mt und offen – als eine Mischung, die sonst im Verborgenen hockt? Sicher sind das keine Themen für Anne Will oder Maybrit Illner. Aber wer kümmert sich dann darum?

Das Virus kennt solche Probleme nicht. Es hat auch keinen Plan. Es m?stet sich an der Aufmerksamkeit nicht nur seiner Opfer, sondern auch der Medien. Was aber, wenn als Resultat seiner Verbreitungswut das Fernsehen, einer seiner wichtigsten natürlichen Feinde, eines Tages nicht mehr senden kann, weil es nicht mehr genug gesunde Menschen gibt, die wissen, wie man das macht? Das kann dem Virus nicht egal sein. Denn ohne das Fernsehen – und viele andere Qualit?tsmedien – wird es nicht mehr genügend beachtet. W?re es da nicht logisch, es würde seine Verbreitung sofort einstellen? Aber seit wann w?ren Viren logisch?

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