Drei Schwestern vor Gericht : Martyrium entkommen, aber wegen Mordes angeklagt

Sie t?ten den Vater, der sie jahrelang missbraucht hat. Die Anklage gegen sie l?st Kritik aus – auch am russischen System, das h?usliche Gewalt verharmlost.

Freiheit für die Schwestern: Vor der russischen Botschaft in Warschau und an verschiedenen anderen Orten gab es Proteste.
Freiheit für die Schwestern: Vor der russischen Botschaft in Warschau und an verschiedenen anderen Orten gab es Proteste.Foto: Robert Pastryk/imago

War es eine gemeinsam geplante, heimtückische Tat oder ein Akt purer Verzweiflung? Vor einem Jahr t?teten die Schwestern Maria, Angelina und Kristina, damals 17, 18 und 19 Jahre alt, ihren Vater Michail Chatschaturjan, ein Moskauer Gesch?ftsmann mit kriminellen Verbindungen. 36 Mal sollen sie auf ihn eingestochen haben, als er im Fernsehsessel schlief. Der Fall wird in Russland gerade emotional diskutiert. Nicht allein die Tat schockiert – vielmehr die Umst?nde, das erwartete Urteil und ebenso die Rolle des Staates.

über Jahre hatte Chatschaturjan seine T?chter misshandelt. Er sperrte sie ein, verprügelte sie und zwang sie zu sexuellen Handlungen. Selbst die Ermittler haben die Umst?nde best?tigt. Die jungen Frauen leiden in der Folge unter schweren psychischen St?rungen.

Den Vater zu t?ten, erschien ihnen Ende vergangenen Juli als der einzige Ausweg aus ihrem Martyrium. Der 57-J?hrige hatte sie am Tag seines Todes zuvor mit Pfefferspray attackiert, weil ihm das Wohnzimmer nicht sauber genug war. Sp?ter griffen die Schwestern zu Küchenmesser und Hammer. Gleich danach stellten sich die Frauen der Polizei.

In Moskau sind die drei Schwestern gerade wegen Verabredung zum Mord angeklagt worden. Der Prozess soll im August starten. Und wer das russische Justizsystem kennt, wei?, dass es für die Angeklagten nicht gut aussieht: Fast 99 Prozent aller Verfahren im Land enden mit einem Schuldspruch. Den beiden ?lteren Schwestern drohen bis zu 20 Jahre Haft.

Opfer oder T?ter?

Für ihre Anw?lte sowie für viele Russen, die den Fall verfolgen, handelten die Schwestern aus Notwehr, zur Selbstverteidigung, sind vor allem Opfer statt T?ter. Beim ersten Treffen, berichtete ihr Anwalt, habe eine der Schwestern erkl?rt, sie fühle sich im Gef?ngnis besser aufgehoben als in ihrer Wohnung mit dem Vater. Die jungen Frauen seien an den Rand des Wahnsinns getrieben geworden. Von klein auf h?tten sie gelernt, wie Sklaven zu leben. Die Anw?lte forderten, die Mordanklage solle fallen gelassen und stattdessen über Notwehr verhandelt werden.

Maria (links) und Angelina Chatschaturjan bei einer Anh?rung im Juni. Die Schwestern sind des Mordes angeklagt. Ihr Anwalt erkl?rt, die Frauen haben sich nur selbst verteidigt.
Maria (links) und Angelina Chatschaturjan bei einer Anh?rung im Juni. Die Schwestern sind des Mordes angeklagt. Ihr Anwalt...Foto: Sergei Karpukhin/imago

Au?erdem solle posthum ein Verfahren gegen den Vater er?ffnet werden. ?Es war ihr Leben oder seines – es gab keine anderen M?glichkeiten“, sagte Mari Dawtjan, Leiterin einer Hilfsorganisation für Opfer h?uslicher Gewalt, dem Nachrichtenportal ?Meduza“. Die Ankl?ger sehen das bislang anders.

Die Mutter der Schwestern soll Michail Chatschaturjan, genauso wie einen gemeinsamen Sohn, schon vor Jahren aus der Wohnung geworfen haben. Beiden gegenüber soll Chatschaturjan ebenfalls gewaltt?tig gewesen sein. Die Mutter machte die Polizei vergeblich auf die Situation aufmerksam. Der Vater unterband fortan den Kontakt zwischen Mutter und T?chtern. Das Ausma? des Martyriums ihrer Kinder habe sie selbst erst erst im vergangenen Jahr, nach der Tat, erfahren, hei?t es. Selbst trauten sich die Opfer nicht zur Polizei. Auch die Schule informierte, nachdem die M?dchen h?ufiger fehlten, offenbar die zust?ndigen Beh?rden, ohne dass diese einschritten. Nachbarn berichteten, sie seien von Michail Chatschaturjan bedroht worden. Aus dem Apartment h?tten sie h?ufig die Schreie der M?dchen geh?rt.

H?usliche Gewalt gilt als Familiensache

Sie unternahmen wohl auch deshalb nichts, weil sie es als famili?re Angelegenheit betrachteten. Eine Sicht, die in Russland weitverbreitet ist. Ein Problem – bei Weitem nicht nur im Fall Chatschaturjan. H?usliche Gewalt wird zu selten verfolgt. Deshalb ist die Debatte über die Geschehnisse diesmal besonders lautstark. Der Staat, so lautet die Kritik, schütze seine Bürger nicht genug.

Erst im Frühjahr 2017 hat Russland ein neues Gesetz in Sachen h?uslicher Gewalt verabschiedet – das bedeutete eine Strafmilderung für die T?ter. Gewalttaten in der Familie werden seitdem lediglich als Ordnungswidrigkeit behandelt und mit Bu?geld von durchschnittlich umgerechnet 70 Euro bestraft. Zuvor drohten bis zu zwei Jahre Haft. überhaupt ist h?usliche Gewalt nur noch strafbar, wenn das Opfer sichtbare Sch?den erleidet oder mehr als einmal im Jahr verprügelt wird. Ein russisches Sprichwort lautet: ?Er schl?gt mich, also liebt er mich“.

Die Befürworter der Gesetzes?nderung erkl?rten Schl?ge damals zu einem ad?quaten Mittel der Erziehung. ?Wir wollen nicht, dass man zwei Jahre im Gef?ngnis sitzt, nur weil es einmal einen Klaps gegeben hat“, erkl?rte Jelena Misulina, Vorsitzende des Familienausschusses der Duma. Das führe zur Verschlechterung des Familienklimas und sei deshalb aus ihrer Sicht ein familienfeindlicher Zustand.

Demonstrationen für die Schwestern

Fast 36.000 Frauen leiden offiziellen Angaben zufolge jeden Tag unter den Schl?gen ihrer M?nner, 26.000 Kinder werden t?glich von ihren Eltern misshandelt. Knapp alle 40 Minuten kommt eine Frau durch h?usliche Gewalt ums Leben, insgesamt sterben pro Jahr in Russland etwa 12.000 Frauen an den Folgen der Gewalt. Fast 80 Prozent aller wegen Mordes verurteilten Frauen in Russland seien zuvor von gewaltt?tigen Partnern misshandelt worden, berichtete die alternative Nachrichtenseite ?Mediazona“.

Gesprochen wird über die Gewalt in aller Regel nicht. Doch seitdem Anklage gegen die Schwestern erhoben ist, kommt es wiederholt zu Protest. Mitte Juni zogen Demonstranten vor den Moskauer Sitz der Ermittlungsbeh?rde. ?Die Chatschaturjan-Schwestern brauchen Rehabilitation, kein Gef?ngnis“, stand auf einem Schild, ?Selbstverteidigung gegen einen h?uslichen Tyrannen ist kein Verbrechen“ und ?Schluss mit der Beschuldigung der Opfer“ auf anderen.

Viele beklagen, dass Opfern h?uslicher Gewalt in Russland nur zwei Optionen bleibe: durch die Gewalt in den eigenen vier W?nden zu sterben oder vor Gericht und im Gef?ngnis zu landen. Protestaktionen gab es auch vor russischen Botschaften im Ausland. Eine Internetpetition für die Einstellung des Gerichtsverfahrens gegen die Chatschaturjan-Schwestern unterstützen bislang mehr als 230.000 Menschen. Für Ende Juli ist in Moskau eine gr??ere Demonstration geplant.

?Es ist sehr bedauerlich, aber der Fall zeigt die Situation, in der wir leben“, sagte Anna Riwina, Leiterin einer Organisation, die sich für die Opfer h?uslicher Gewalt einsetzt. ?Wenn Frauen oder in diesem Fall Kinder jahrelang Gewalt ausgesetzt sind, ist niemand bereit, ihnen zu helfen.“ Richter und Polizisten glaubten bis heute, dass h?usliche Gewalt eine Familienangelegenheit sei, sagt sie. ?Aber das Problem geh?rt der Gesellschaft als Ganzes, nicht einer einzelnen Familie.“

An diesem Montag ver?ffentlichte das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbek?mpfung (UNODC) in Wien?einen Bericht, nachdem im Jahr 2017 rund 50.000 Frauen von ihrem Partner oder von Familienangeh?rigen get?tet?worden sind.

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