?Babylon“ an der Berliner Staatsoper : Die Stadt braucht ein Update

Der Mythos klebt: J?rg Widmann und Peter Sloterdijk wollen in ?Babylon“ die frühantike Weltmetropole rehabilitieren - doch die Story schw?chelt.

Wo die Sünde wohnt. Susanne Elmark als Innana, Priesterin der Liebeslust.
Wo die Sünde wohnt. Susanne Elmark als Innana, Priesterin der Liebeslust.Foto: Annette Riedl/dpa

W?re Babylon noch bewohnt, würden einige vielleicht sagen, die Stadt müsse sich neu erfinden. Oder, wenn sie jünger sind: Sie braucht ein Update. Tats?chlich ist ihr Image problematisch, als Synonym für Sündenpfuhl taugt ihr Name bis heute; eine Fernsehserie setzt Berlin schon im Titel mit Babylon gleich. Weitere Zuschreibungen: Hybris und Gewaltherrschaft.

Schuld an der schlechten Presse ist natürlich das Alte Testament. Es erz?hlt vom Turmbau zu Babel als Symbol menschlichen Gr??enwahns, au?erdem mussten die Hebr?er hier mehrere Jahrzehnte in Gefangenschaft schmachten. Und die Offenbarung des Johannes nennt Babylon die ?Gro?e Hure“, auch wenn sie damit wahrscheinlich Rom meint. Dass die Ausgrabungsst?tte des realen Babylon im Irak liegt, wo Tourismus aus nachvollziehbaren Gründen ausgeschlossen ist, bef?rdert noch die Entrückung ins Mythische.

Schluss damit, meint Klarinettist und Komponist J?rg Widmann. Es ist an der Zeit, Babylon als das zu pr?sentieren, was es war: Eine faszinierende frühantike Weltmetropole mit einzigartiger Melange der Kulturen, die meist tolerant nebeneinander leben konnten. Seine zweite Oper ?Babylon“ schrieb er auf ein Libretto von Peter Sloterdijk, der seit Langem von den monotheistischen Weltreligionen und ihrer Genese fasziniert ist.

Sloterdijk rührt in seinem Libretto einiges zusammen

?Babylon“ wurde 2012 in Widmanns Heimatstadt München uraufgeführt, inszeniert haben dort La Fura dels Baus. Jetzt, zur Neuinszenierung an der Berliner Staatsoper, führt Andreas Kriegenburg Regie. Und er tut das, was er gerne macht, auch in seiner Inszenierung von ?Otello“ an der Deutschen Oper: Er stapelt die Bühnen?ffnung komplett voll (Ausstattung Harald Thor), eine riesige, adventskalenderartige Wand aus offenen R?umen, darunter die blauschimmernden Ziegel des Ischtar-Tors: Babylon als vertikale Stadt. Die Anordnung kann paternosterartig komplett Richtung Schnürboden und wieder nach unten fahren. In der eher kleinen Staatsoper bef?rdert das die gefühlte Enge, aber die Kammern erlauben auch intime Szenen und wecken zudem Bilder der H?ngenden G?rten, eines der wenigen positiven Attribute der Stadt, und natürlich vom Turmbau.

Eine Gedenkminute für den verstorbenen Dirigenten Michael Gielen geht nahtlos über in eine weitere Stille, aus der sich das a capella-Wispern des Chores sch?lt. Ein S?nger (Andrew Watts) mit riesigem, gekrümmten Stachel zitiert Verse aus den Büchern Joshua und Jesaia, die vom Wiederaufbau einer zerst?rten Stadt warnen. Es ist der Skorpionmensch, eine Figur aus dem Gilgamesch-Epos.

Peter Sloterdijk rührt in seinem Libretto einiges zusammen, umarmt dabei das Pathos mit offensiver Geste. Widmann tut es ihm in der Partitur nach, mit m?chtigen Clusteraufwallungen im Orchester und ausgebautem Schlagwerk, ein schimmernder Klangstrom, changierend zwischen hohem Ton, Groteske und zarter Liebeslyrik, die nur von einer Sologeige gestützt wird, gewürzt mit selten zu h?renden Instrumenten wie der Glasharmonika. Der junge Dirigent Christopher Ward, der für Daniel Barenboim eingesprungen ist, zaubert mit der Staatskapelle feurigen Klang aus dem Graben.

Was fehlt, ist dramatisches Gespür

Widmann, der für Berlin eifrig an der Partitur gearbeitet und gegenüber München manches gestrichen und neu komponiert hat, schafft es, Atmosph?re heraufzubeschw?ren. Doch er und Sloterdijk schwelgen so sehr darin, dass sie im Bestreben, Babylon zu rehabilitieren, offenbar die Story vergessen haben.

Die geht so: Der Jude Tammu wird seiner Seele untreu und verf?llt der babylonischen Priesterin Innana. Als er den G?ttern geopfert wird, um eine erneute Sintflut zu vermeiden, holt ihn Innana aus der Unterwelt zurück. Doch dieses Handlungsgerüst soll wohl vor allem als Schablone dienen für die Musik. Was fehlt, ist dramatisches Gespür, der rasche Wechsel von Innerlichkeitsmomenten mit Szenen, die die Geschichte vorantreiben.

Daran k?nnen auch die gr??tenteils überzeugenden Solisten nichts ?ndern. Mocja Erdmann, in wei?em Kleid und mit blondem Haar arg holzschnitthaft als Unschuld markiert (Kostüme: Tanja Hofmann), singt eine ?therische Seele, ihre Gegenspielerin Susanne Elmark in lüsternem roten Kleid und Stiefeln eine kernige Innana. Sie ist Priesterin der freien Liebe, predigt dem noch ganz seinem Judentum verhafteten Tammu, dass mehrere Liebhaber gar nicht so übel sind: ?Ist nicht das Feuer ganz in jeder Flamme?“ Gro?e Oper kommt mit Marina Prudenskaya auf die Bühne, die als Euphrat zornig den Himmel anklagt, weil er die Sintflut geschickt hat. Stark auch die B?sse: John Tomlinson als Priesterk?nig, David Ostrek in einer Nebenrolle als jüdischer Schreiber.

Die Handlung funktioniert an vielen Stellen nicht

Doch das Zentrum der Aufführung bleibt leer, Charles Workman als Tammu kann es nicht füllen. Seine Qualit?ten als Darsteller sind an diesem Abend vernachl?ssigbar, die Komfortzone seines Tenors allzu schmal, immer wieder muss er sie verlassen, um Widmanns wilde Intervallsprünge auf einzelne Silben zu bew?ltigen, was für alle im Saal eine Qual ist. Dankbar begrü?t man Otto Katzameier, einen Charakterdarsteller, der ?Schwester Tod“ v?llig angemessen mit durchgeschmorten Sicherungen singt.

Die Handlung ist schwach und funktioniert an vielen Stellen nicht. Die Einlassszene in die Unterwelt baut Fallh?he auf, ist als Referenz an den Weisheitstempel aus Mozarts ?Zauberfl?te“ gestaltet. Doch das verpufft, denn Innana braucht in einer Arie lange, um sich für den Einlass bereit zu machen, alle Beteiligten stehen arbeitslos herum. Dass der Tod Tammu freil?sst, kommt unerwartet und unmotiviert.

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Am Ende komponiert Widmann zu friedfertigen, konsonanten Kl?ngen einen neuen Bund, der ohne G?tter auskommt und allein auf die Menschen baut. Was die Oper noch weiter überfrachtet, vollpfropft mit kalorienhaltiger Mythologie. Wirklich satt verl?sst man die Staatsoper trotzdem nicht.

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