Pandemie in Konfliktregionen : Wenn der Krieg trotz Coronavirus weitergeht

Die Pandemie wütet – auch Konfliktregionen bleiben nicht verschont. Doch die Kontrahenten setzen auf Gewalt. Wo gek?mpft wird – ein überblick.

Im Jemen liefern sich aufst?ndische Huthis und die saudische Milit?rallianz nach wie vor Gefechte.
Im Jemen liefern sich aufst?ndische Huthis und die saudische Milit?rallianz nach wie vor Gefechte.Foto: Mohammed Huwais/AFP

Vor wenigen Tagen wandte sich UN-Generalsekret?r Antonio Guterres mit einem eindringlichen Appell an die Staatengemeinschaft. Konfliktparteien überall auf der Welt sollten die Waffen ruhen lassen, damit sich die betroffenen Staaten auf die Bek?mpfung der Pandemie konzentrieren k?nnten.

Doch der Aufruf verhallt ungeh?rt. Statt sich um die Seuchengefahr zu kümmern, versuchen verfeindete L?nder und Milizen nach wie vor, sich auf dem Schlachtfeld Vorteile zu verschaffen – und verschlimmern so das Leid der Zivilbev?lkerung.

Jemen: Hunger, Seuchen und ein Kronprinz

Wohl kaum ein Land der Erde ist so geschw?cht wie das Armenhaus der arabischen Welt. Seit fünf Jahren herrschen dort Krieg, Hunger, Armut und Krankheiten – und es gibt keinen Anlass zur Hoffnung, dass der Jemen sich in absehbarer Zeit aus dem Klammergriff aus Not und Gewalt befreien kann. Schon gar nicht, solange die im M?rz 2015 von Saudi-Arabien gestartete Offensive gegen die aufst?ndischen Huthi-Rebellen nicht eingestellt wird.

Zwar dürfte Kronprinz Mohammed bin Salman klar sein, dass der Krieg gegen die vom Iran unterstützten Huthis mit milit?rischen Mitteln kaum zu gewinnen ist. Nur fehlt dem saudischen Thronfolger eine gesichtswahrende Exit-Strategie.

Zumal die Rebellen zu einer ernsthaften Gefahr für die nationale Sicherheit des K?nigreichs geworden sind. Immer wieder attackieren die Huthis mit Raketen und Drohnen das Nachbarland, einschlie?lich der dortigen ?lanlagen.

Millionen Jemeniten sind wie diese Frau auf Hilfe angewiesen, oft geht es ums überleben.
Millionen Jemeniten sind wie diese Frau auf Hilfe angewiesen, oft geht es ums überleben.Foto: Khaled Abdullah/Reuters

Die Leidtragenden dieses Konfliktes sind die Millionen Jemeniten. Sie haben nichts zu essen, werden aus ihren H?usern vertrieben, von Kampfjets bombardiert und müssen sich Krankheiten wie der Cholera erwehren. Auf eine medizinische Infrastruktur k?nnen sie nicht bauen – sie existiert nicht.

Ganz abgesehen davon, dass der Jemen weitgehend von Saudi-Arabien abgeriegelt wurde. Dringend erforderliche Hilfsgüter gelangen so nur unter extrem schwierigen Bedingungen ins Land. Und nun kommt Covid-19 hinzu. Offiziell sind noch keine F?lle gemeldet worden.

Aber Beobachter gehen davon aus, dass dies kaum so bleibt. Die UN fordert deshalb, der Jemen müsse sich mit voller Kraft gegen eine m?gliche Ausbreitung des Coronavirus stemmen. Dazu sei es unerl?sslich, die K?mpfe einzustellen. Nur: Bislang scheint keine der Konfliktparteien den Aufruf befolgen zu wollen.

Syrien: Assads Artilleriefeuer

Auch in Syrien gibt es kaum Hoffnung, dass die Pandemie den seit neun Jahren anhaltenden Krieg entsch?rfen kann. Die Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete erst vor wenigen Tagen Artilleriefeuer der Regierungsarmee auf mehrere Kleinst?dte und D?rfer in der Provinz Idlib, der letzten Hochburg der Gegner von Machthaber Baschar al Assad.

Zudem soll die türkische Armee weitere Verst?rkung nach Idlib gebracht haben. Eine türkisch-russische Waffenstillstandsvereinbarung hat die Offensive der Truppen von Pr?sident Assad in Idlib zun?chst gestoppt. Doch mussten mindestens zwei gemeinsame türkisch-russische Milit?rpatrouillen auf der wichtigen Fernstra?e M4 wegen Protesten gegen die russischen Soldaten vorzeitig abgebrochen werden.

Spannungen gibt es auch zwischen Syrien und dem Nachbarn Israel: Jüngst schoss die syrische Luftabwehr nach Angaben aus Damaskus mehrere Raketen ab; Israel greift immer wieder Stellungen pro-iranischer Gruppen in Syrien an.

In Idlib sind viele H?user zerst?rt. Ein Helfer der Wei?helme desinfiziert die Mauern, die noch stehen.
In Idlib sind viele H?user zerst?rt. Ein Helfer der Wei?helme desinfiziert die Mauern, die noch stehen.Foto: Muhammad Haj Kadour/AFP

Assad hat mehrfach angekündigt, er werde die Aufst?ndischen weiter bek?mpfen, bis er das ganze Staatsgebiet wieder unter seiner Kontrolle hat. Es ist unwahrscheinlich, dass er sich durch die Ausbreitung des Coronavirus von diesem Ziel abhalten l?sst.

Offiziell gibt es in Syrien zwar nur zehn Infektionen und zwei Todesf?lle; viele Beobachter sind allerdings sicher, dass es in Wirklichkeit sehr viel mehr sind. Sollte sich die Seuche unter den Hunderttausenden Flüchtlingen in Idlib ausbreiten, droht nach Einsch?tzung von Hilfsorganisationen der Region die n?chste humanit?re Katastrophe.

An der geschlossenen Grenze zur Türkei leben die Vertriebenen auf engstem Raum in Zelten und anderen Notunterkünften unter schlimmen Bedingungen – selbst regelm??iges H?ndewaschen ist unm?glich.

Irak: Amerikanisch-iranisches Kampfgebiet

Bereits seit Monaten bek?mpfen sich US-Soldaten und pro-iranische Kr?fte im Irak. Ihren vorl?ufigen H?hepunkt erreichten die Feindseligkeiten mit der Ermordung des iranischen Generals Qassem Soleimani bei einem US-Drohnenangriff am Flughafen von Bagdad im Januar.

Seitdem gibt es immer wieder Gefechte zwischen US-Truppen und Teheran-treuen K?mpfern. Erst in der vergangenen Woche schlugen zwei Raketen in der schwer gesicherten Grünen Zone in der Hauptstadt Bagdad ein. Pro-iranische Milizen hatten zuvor einen Milit?rstützpunkt bei Bagdad mit mehr als einem Dutzend Raketen angegriffen und dabei zwei Amerikaner und eine britische Soldatin get?tet.

Von den USA get?tet, von Iranern verehrt: General Soleimani.
Von den USA get?tet, von Iranern verehrt: General Soleimani.Foto: Wissam al Okaili/Reuters

Die USA reagierten mit Luftangriffen auf Stützpunkte pro-iranischer Kr?fte im Irak und in Syrien. Pr?sident Donald Trump warf Teheran am Mittwoch vor, weitere Angriffe auf US-Truppen im Irak zu planen, und drohte, die Islamische Republik werde einen ?sehr hohen Preis“ zahlen.

Dieser Konflikt trifft mit dem Irak ein Land, das durch politische Instabilit?t, Anschl?ge, tiefe Gr?ben zwischen Schiiten und Sunniten sowie Korruption und Misswirtschaft geschw?cht ist. Die offiziellen Fallzahlen im Irak – rund 700 Infektionen bei 50 Toten – steigen steil an.

Afghanistan: In der Gewalt der Taliban

Der 29. Februar war ein Tag der Hoffnung. Die gründete darauf, dass die USA und die Taliban nach langen, mühseligen Verhandlungen ein Abkommen unterzeichneten, das den Abzug der internationalen Truppen vorsieht – und eine ?Reduzierung“ der Gewalt. Damit sollte der Weg für innerafghanische Friedensgespr?che zwischen der Regierung in Kabul und den Radikalislamisten geebnet werden.

Nur entpuppt sich das zunehmend als Wunschdenken. Die Taliban denken gar nicht daran, ihren bewaffneten Kampf gegen Zivilisten und Sicherheitskr?fte einzuschr?nken, geschweige denn einzustellen.

Die Taliban überziehen Afghanistan nach wie vor mit Gewalt.
Die Taliban überziehen Afghanistan nach wie vor mit Gewalt.Foto: picture alliance/AP

Dem Blog ?Long War Journal“ zufolge haben die selbst ernannten ?Gotteskrieger“ in den vergangenen Wochen 400 Angriffe für sich in Anspruch genommen, in 31 der 34 Provinzen h?tten sie Anschl?ge verübt. Dutzende Menschen kamen ums Leben.

Dabei droht dem Land ebenfalls eine Corona-Epidemie immensen Ausma?es. Nach Sch?tzungen des Gesundheitsministeriums k?nnten schlimmstenfalls mehr als 100.000 Menschen sterben. Nach diesem Szenario müssten bis zu 700.000 wegen der Virusinfektion behandelt werden – was das Gesundheitssystem restlos überfordern würde.

Besonders betroffen ist der Westen Afghanistans. Dort kommen t?glich Tausende Arbeiter an, die den Iran verlassen haben – vor allem aus Furcht vor der dort wütenden Seuche.

Libyen: Der General und die Hauptstadt

Die Panik ist gro?. Noch nie habe sie so viel Angst um ihr Leben gehabt, sagt die libysche Aktivistin Montaha Nattah aus Tripolis. Der Artilleriebeschuss auf die Hauptstadt durch die Truppen des Rebellengenerals Chalifa Haftar sei fürchterlich gewesen, berichtet Nattah. Jeder in der Stadt habe sich zwar an die Bomben gew?hnt.

Doch die jüngsten Angriffe waren selbst für Tripolis au?ergew?hnlich: ?Viele sagen, es sei die bisher schlimmste Nacht überhaupt gewesen.“

Auch in der libyischen Hauptstadt Tripolis eskalieren die K?mpfe.
Auch in der libyischen Hauptstadt Tripolis eskalieren die K?mpfe.Foto: Amru Salahuddien/Xinhua/Imago

Haftars Truppen setzen alles daran, die von der UN anerkannte Einheitsregierung in Tripolis zu stürzen und das ?lreiche Land unter ihre Kontrolle zu bekommen. Das Wohl der Bev?lkerung spielt bei den überlegungen der Kontrahenten keine Rolle.

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Das in zwei Sektoren geteilte Bürgerkriegsland verzeichnet bisher lediglich zehn Coronaf?lle. Aber die Dunkelziffer k?nnte wesentlich h?her liegen. Bei einer Ausweitung von Covid-19 h?tten die Gesundheitsbeh?rden kaum eine Chance, die Gefahr wirksam zu bek?mpfen.

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