Das Digitalsemester ist gestartet : Ein Kraftakt in 8 000 Homeoffices

Video-Chat und neue M?glichkeiten: In Krisenzeiten wird der Wert von Wissenschaft allen sichtbar – die TU Berlin tr?gt dazu bei.

Christian Thomsen
Mit mehr als 1 500 Online-Veranstaltungen ging die TU Berlin am 20. April an den Start. ?Mutmacher*innen“, Lehrende und Besch?ftigte der Uni, begrü?ten die Studierenden per Videobotschaften.
Mit mehr als 1 500 Online-Veranstaltungen ging die TU Berlin am 20. April an den Start. ?Mutmacher*innen“, Lehrende und...TU Berlin/ Janine Rülicke (Montage)

Christian Thomsen ist Pr?sident der TU Berlin.

Viel haben wir in den Wochen seit dem verordneten Beginn des Pr?senznotbetriebs an der TU Berlin erreicht. Die Corona-Pandemie gab den Takt vor. Der Regierende Bürgermeister sprach von einem ?Sommersemester, das es so in der Geschichte unserer Stadt noch nie gab“. Für uns ist es ein Kraftakt bei gleichzeitiger Betonung der Kulanz für diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mithalten k?nnen.

Bis auf eine Kernmannschaft für den Notbetrieb sind alle Besch?ftigten ins Homeoffice ?verbannt“ worden, ohne dass wirklich klar war, was das bedeutet. Nun gibt es 8 000 ?TU-Büros“, verstreut über die Region, in Wohnzimmern, unterm Dach oder der WG-Küche.?

Erst allm?hlich erfahren wir, wie eine Telefonkonferenz oder ein Video-Chat auf uns wirken und wie anstrengend sie sind. Neu ist auch die Betrachtung der Bildhintergründe, die die Kollegen und Kolleginnen in den Videokonferenzen anbieten. Bücher, Lebensmittel, nackte W?nde, Urlaubsfotos. Alles habe ich schon gesehen.?

Verquickt ist die neue Arbeitsweise bei einigen mit der Betreuung von Kindern. Homeoffice, Homeschooling, ein berufst?tiges Elternpaar und drei Kinder, das zerrt ganz sch?n an den Nerven, bei mir jedenfalls.

Viele Lehrangebote mussten von null auf hundert digitalisiert werden

Trotzdem hat der digitale Lehrbetrieb nach intensiven Vorbereitungen begonnen. Die besten Videosoftware-Programme kristallisieren sich heraus. Unsere Lehrenden zeigen gro?en Einsatz, von denen viele von null auf hundert in ihrem Lehrangebot digital werden mussten. Immerhin entstanden bis jetzt mehr als 1500 solcher Angebote.?

Andere wiederum sehen keine M?glichkeit zu digitalisieren, etwa bei Laborpraktika oder gar Exkursionen. Sie arbeiten an innovativen L?sungen oder warten auf bessere Zeiten.?

Eine der ermutigenden Zuschriften eines Hochschullehrers an mich lautet: ?Mit der beginnenden Vorlesungszeit kann ich endlich wieder etwas tun, was die Gesellschaft jedenfalls ein klein bisschen voranbringt.“?

Nach diesem Start werden uns nun andere Fragen bewegen: Wie kommt die digitale Lehre bei den 34 000 TU-Studierenden an? Was bedeutet die soziale Isolation in einer ihrer wichtigen Lernphasen? Wie gro? ist die Schwundrate im Vergleich zum Pr?senzlehrbetrieb, und werden wir in der Corona-befreiten Zukunft wieder zu voller Pr?senz zurückkehren??

Wie und wann werden?internationale Studierende immatrikuliert?

Haben Menschen mit eingeschr?nkter Mobilit?t vielleicht einen Vorteil? Erm?glicht das digitale Studium eine individuelle Zeiteinteilung und ist damit für diejenigen mit Nebenjob oder einer Pflegeverpflichtung erstrebenswert? Was passiert mit unseren internationalen Partnern??

Die digitale Kommunikation ?erspart“ momentan die Anreise im Flugzeug. Werden wir sp?ter mehr oder eher weniger internationale Studierende immatrikulieren??

Fragen über Fragen. Forschungsprojekte dazu will die Berlin University Alliance, der Exzellenzverbund der Berliner Universit?ten und der Charité, nach einer wettbewerblichen Auswahl zeitnah finanzieren.

Unserer anderen Hauptaufgabe, der Forschung, gebührt erheblicher Respekt. 2018 konnten wir rund 180 Millionen Euro für Forschungsprojekte einwerben – das ist eine der h?chsten Drittmittelzahlen in Deutschland.?

Die Forschung ist zwangsweise nahezu vollst?ndig zum Stillstand gebracht worden, insoweit sie Pr?senz, meist in Laboren, ben?tigt. Ausnahmen gab es bei der Bew?ltigung der Corona-Krise. Und die sind in vielf?ltigeren Formen aufgetaucht als ich es erwartet h?tte, jedenfalls für eine TU ohne medizinische Fakult?t.

TU-Forscher beraten die Regierung und Ministerien

Neben Forschungsprojekten aus der Biotechnologie, der Mobilit?tssimulation, der Informatik oder der Raumsoziologie, beraten unsere Forscher die Bundesregierung, Ministerien und das Land Berlin.?

Wir stellen auch selber Schutzmasken für unsere Mitarbeiter her. Diese Beispiele zeigen ganz deutlich, dass unser Wirken zum Nutzen der Gesellschaft greift und den Wert von Wissenschaft verdeutlicht. So muss Universit?t funktionieren.?

Respekt gebührt ebenso der Forschung, die nicht unmittelbar der Virus- Bek?mpfung dient. Hier ist die Einschr?nkung des Grundrechts auf Freiheit in Forschung durch die Vorgaben der Pandemiebek?mpfung gegeben. Wie viel Forschung an anderen Themen k?nnen wir in den Laboren zulassen, ohne die Virusausbreitung zu bef?rdern??

Und ja, jedes unserer Labore ist sauberer als jede Schultoilette, die ich kenne. Trotzdem werden wir nur eingeschr?nkte Ausnahmen zulassen k?nnen. In Berlin haben wir einen abgestimmten Plan. Unsere oberste Priorit?t ist der Schutz unserer Gesundheit. Das ist die Richtschnur für mein Handeln als Pr?sident.

Bisher ging unsere Strategie auf, vor allem durch unsere hervorragenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung und in den Fakult?ten. Wir haben pragmatisch, besonnen und trotzdem schnell gehandelt.?

Die Zeit wird zeigen, welche Wirkung unser Handeln hat. Wo, frage ich, wenn nicht an Universit?ten, kann besser aus dieser misslichen Lage etwas Neues gestaltet werden?!


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