Covid-19 und Influenza : Warum der Vergleich von Coronavirus und Grippe hinkt

Influenza sei viel gef?hrlicher als Corona, h?rt man derzeit von vielen Seiten. Doch die Tatsachen sind ein bisschen komplexer.

Touristen in London tragen bei der Besichtigung des Buckingham Palace Mundschutzmasken.
Touristen in London tragen bei der Besichtigung des Buckingham Palace Mundschutzmasken.Foto: Frank Augstein/AP/dpadpa

Der Satz ?Das kann man doch nicht vergleichen!“ ist ein beliebter Diskussionskiller. Tats?chlich kann man so ziemlich alles mit allem vergleichen. ?pfel mit Birnen zum Beispiel. Man wird dann, wenn man wirklich analytisch vorgeht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede finden.

Genau das ist die Art und Weise, wie wir Menschen uns die Welt zug?nglich machen. Wir bilden Kategorien, ordnen Dinge, Gedanken, Gefühle, Konzepte und Lebewesen zu eng und weniger eng gefassten Gruppen.

?pfel und Birnen sind ungef?hr gleich gro?, sie geh?ren beide zum Kernobst, sie werden von den meisten Menschen gemocht. Aber sie sind nicht gleich, haben zum Beispiel unterschiedliche Formen, schmecken unterschiedlich, werden unterschiedlich schnell matschig. Sie haben auch ein unterschiedliches Potenzial, Durchfall auszul?sen.

Was hat das alles mit dem Coronavirus zu tun? Es wird derzeit auch oft verglichen. Vor allem mit Influenza. Und das ist in Ordnung. Das Coronavirus mit der allj?hrlichen winterlichen Grippe zu vergleichen, ist wie ?pfel mit Birnen zu vergleichen.

Coronavirus: Infektion im Mund-Rachen-Raum

Beide geh?ren zu den Viren, sogar zu einer bestimmten Gruppe, den RNA-Viren. Beide k?nnen krank machen, beide befallen den Mund-Rachen-Raum und manchmal auch die Lunge. Beide sind ziemlich ansteckend. Die Krankheiten, die beide ausl?sen, k?nnen milde verlaufen oder ernsthaft, sie k?nnen auch t?dlich sein.

Beide gef?hrden vor allem immungeschw?chte Personen. Sehr oft sind das ?ltere Menschen – für deren nicht mehr ganz so agiles Abwehrsystem gibt es den Fachbegriff der Immunseneszenz. Selbst die Therapie ist ?hnlich: Es gibt nur begrenzt gegen das jeweilige Virus selbst wirkenden Medikamente, deshalb werden die Symptome bek?mpft und die m?glicherweise beeintr?chtigten K?rperfunktionen unterstützt, in ernsten F?llen etwa per Beatmung.

[Olaf Scholz über Anti-Coronavirus-Ma?nahmen der Regierung: ?Es geht um Leben und Tod für uns alle“]

Grippeviren und Sars-Cov-2, wie das 2019 in Wuhan aufgetauchte Virus offiziell hei?t, unterscheiden sich aber auch in vielem. Auch wenn sie von Viren-Systematikern dem gleichen ?Bereich“ der RNA-Viren zugeordnet werden, geh?ren sie schon auf der n?chsten Stufe zu v?llig unterschiedlichen ?St?mmen“.

K?nnte man die Einordnungen hier mit denen der Zoologie gleichsetzen, dann würden sie sich so unterscheiden wie die Wirbeltiere von den Insekten.

Die Letalit?t von Covid-19 ist h?her als bei der Grippe

Und eines wird immer klarer: Covid-19, die durch das neue Coronavirus namens Sars-Cov-2 ausgel?ste Krankheit, verl?uft wahrscheinlich doch deutlich h?ufiger t?dlich als Grippe. Zwar gibt es noch keine verl?ssliche Statistik. Und in frühen Phasen von Infektionsausbrüchen erscheint die Todesrate oft deutlich h?her, als sie letztlich wirklich ist, denn viele F?lle mit milderen Verl?ufen werden dann oft gar nicht erkannt.

Allerdings weist etwa nach Meinung von Bruce Aylward, der die internationale Mission in das Ausbruchsgebiet in der Provinz Hubei leitete, alles darauf hin, dass der Anteil der ernsten oder t?dlichen Verl?ufe jedenfalls nicht vergleichbar niedrig im Promillebereich liegt wie bei Influenza.

[Lesen Sie hier Antworten auf 66 wichtige Fragen, die unsere Leser im Zusammenhang mit dem Coronavirus immer wieder stellen.]

Laut aktuellen Sch?tzungen k?nnte ein Prozent der mit Sars-CoV-2 Infizierten sterben, was eine zehnfach h?here Letalit?t im Vergleich zu Grippeviren bedeuten würde.

Dass es gegen Sars-CoV-2 keine Impfung gibt bisher, und auch nicht allzu bald geben wird, ist ein weiterer bedeutsamer Unterschied.

Signifikant h?here Ansteckungsgefahr beim Coronavirus

Dazu kommt, dass das Coronavirus m?glicherweise signifikant ansteckender ist als Grippeviren. Zumindest ist inzwischen bekannt, dass trotz nicht besonders ausgepr?gter Krankheitssymptome die Virendichte im oberen Rachenraum von Infizierten deutlich h?her liegen kann als bei Grippepatienten.

Und aus dem oberen Rachenraum ist der Weg kurz bis zur n?chsten Person oder zur n?chsten Oberfl?che, die dann jemand anfassen kann – besonders, wenn niemand wei?, was in diesem oder jenem Rachen gerade geschieht und deshalb niemand vorsichtig ist.

Und weil das Virus für den Menschen neu ist, hat er keinerlei Immunit?t dagegen.

Hintergrund zum Coronavirus:

Es gibt aber noch einen entscheidenden Unterschied zum Vergleich zwischen ?pfeln und Birnen. Man wei? über das neue Coronavirus im Vergleich zu Grippeviren sehr wenig. Es ist, als h?tten wir über Zeitalter ?pfel in unseren G?rten angebaut, mit ihnen gehandelt, sie gegessen.

Und pl?tzlich liegt auf dem Wochenmarkt diese neue, etwas seltsam aussehende Frucht in einer Holzkiste, deren Eigenschaften wir erst einmal ergründen müssen.

Gibt es beim Coronavirus ?nderung durch Mutation?

über das Virus, das die Krankheit Covid-19 ausl?st, versuchen Wissenschaftler gerade so viel wie m?glich herauszufinden. Sie wissen bislang - anders als bei Influenza - nicht nur nichts ansatzweise Genaues darüber, wie t?dlich es wirklich ist, also welcher Prozentsatz der Infizierten in etwa letztlich stirbt. Sie wissen auch nicht viel zu seiner Neigung, per Mutation seine Eigenschaften zu ?ndern und damit gef?hrlicher oder weniger gef?hrlich zu werden. Sie wissen nicht, ob Frühling und Sommer sich ?hnlich d?mpfend auf die Ansteckungsrate auswirken werden wie bei Grippe.

Forschung mit Sars-CoV-2 am MIGAL Research Institute in Kiryat Shmona, Israel.
Forschung mit Sars-CoV-2 am MIGAL Research Institute in Kiryat Shmona, Israel.Foto: JALAA MAREY / AFP

Sie wissen nicht genau, wie es das Virus anstellt, sich in Massen im oberen Rachenbereich zu vermehren, ohne dass Menschen sich besonders krank fühlen. Und sie wissen nicht, warum zwar meist ?ltere und immungeschw?chte Menschen von schweren Verl?ufen bedroht sind, aber eben auch nicht nur in Einzelf?llen junge, eigentlich gesunde Menschen an der Krankheit sterben.

Es ist richtig: Grippe t?tet jedes Jahr sehr viel mehr Menschen als bislang Opfer des Coronavirus geworden sind. Ob das so bleibt, wei? allerdings auch niemand.

Eines ist aber noch wichtiger: All jene, die sich jetzt beschweren, dass Warnungen vor der bislang tats?chlich hierzulande mehr Menschen t?tenden Grippe vernachl?ssigt würden, lassen eines au?er acht: Grippe und Coronavirus sind zwar tats?chlich ziemlich unterschiedlich, aber in einem gleichen sie sich doch sehr: in der Art und Weise, wie sie übertragen werden und wie man sich vor übertragung schützen kann.

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Vorsichtsma?nahmen gegen Covid-19 helfen auch gegen die Grippe

Wenn jetzt Menschen pl?tzlich anfangen, jene wirklich einfachen und tats?chlich eigentlich immer und in jeder Grippesaison lebensrettenden Schutzvorkehrungen für sich zu entdecken, dann wird sich das auch auf die Grippe-Ansteckungsrate auswirken. Auch auf die Grippe-Todesrate.

Diese Verhaltensregeln gehen von regelm??igem gründlichen H?ndewaschen über Nies- und Husten-Etikette und konsequentes Zuhausebleiben bei Krankheitssymptomen bis zum Kontaktverbot für Oma und Opa zum kranken Enkel.

Wir werden zwar die Namen all jener, die aufgrund einer dadurch vermiedenen Infektion nicht gestorben sind, nie kennen. Die Namen derer, die mit dem Rauchen aufgeh?rt haben und deshalb keinen Lungenkrebs bekommen haben, kennen wir aber auch nicht, genausowenig wie die der Kinder, die aufgrund ihrer Masernimpfung nicht an Masern gestorben sind.

Sollen wir deshalb mit dem Aufh?ren aufh?ren oder mit dem Impfen?

Corona informiert und vorsorgend, doch ohne Panik ernst zu nehmen wirkt auch gegen Grippe. Corona jetzt ernst zu nehmen bedeutet tats?chlich noch die Chance, dass in diesem Jahr in Deutschland sogar weniger Menschen an Atemwegsviren sterben als in einer typischen Grippesaison. Corona ernst zu nehmen und umsichtig zu handeln, rettet Leben.

[Hinweis: Dieser Artikel wurde am 1.3.2020 publiziert und gibt Wissensstand zu diesem Zeitpunkt wieder]

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