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Deutschland ?ffnet Spielpl?tze : Auch vor Corona galt der Spielplatz manchen Eltern als gef?hrlicher Ort

Nach dem Corona-Lockdown: Eine kleine Kulturgeschichte des Spielplatzes – von der paramilit?rischen Ertüchtigung zum Freiraum für Stadtkinder.

René Schlott
Absperrb?nder und ein Schild "Spielplatz gesperrt" auf einem Spielplatz in Berlin-Charlottenburg.
Bild-Ikone der Coronazeit. Ein gesperrter Spielplatz in Charlottenburg im April 2020.Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

In den kommenden Tagen werden in ganz Berlin Schl?sser ge?ffnet, Z?une abgebaut, Flatterb?nder eingerollt und Verbotsschilder eingesammelt: Die Spielpl?tze der Stadt ?ffnen wieder. Mehr als einen Monat lang waren sie geschlossen und wurden von Kindern und Eltern schmerzlich vermisst.

Von allen Ma?nahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus war die Schlie?ung der Spielpl?tze wohl die in symbolischer Hinsicht gravierendste.

Eine Gesellschaft entschloss sich zum Aussperren ihrer Kinder und in ganz Deutschland gingen kommunale Angestellte rasch und kreativ zu Werke, um die politische Vorgabe umzusetzen. Ordnungs?mter und Polizei setzen das Verbot über Wochen durch, in einer Gemeinde im Berliner Umland schickte der Bürgermeister sogar die Erzieherinnen der geschlossenen Kitas auf Streife, um die Spielpl?tze zu überwachen.

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Die Aufnahmen der mit ?Polizeiabsperrung“-Band versehenen Spielplatztore werden vielleicht eines Tages zu einer der Bild-Ikonen der Corona-Pandemie in Deutschland geh?ren.

Der Spielplatz – ein gef?hrlicher Ort? Einst waren Spielpl?tze gerade in Metropolen eingeführt worden, um Kindern einen sicheren Freiraum fernab der verkehrsreichen und gef?hrlichen Stra?en zu geben. Und Berlin spielt in der gut zwei Jahrhunderte w?hrenden Entwicklung der Freianlagen eine besondere Rolle.

Wippen, Schaukeln und Karussells - aber nur für Erwachsene

Der 1790 von Friedrich Wilhelm II. neben dem Joachimsthalschen Gymnasium – dort gelegen, wo heute das Berliner Stadtschloss wiedererstanden ist – eingerichtete Spielplatz gilt als einer der ersten seiner Art. Er sollte die Schüler des k?niglichen Internats von der Stra?e holen und zum Sport animieren: ?Damit er zur Leibesbewegung der studierenden Jugend angewendet werde.“

?ffentliche Spielger?te für die Kinder gab es damals in Berlin noch nicht. Wippen, Schaukeln und Karussells standen zu dieser Zeit allein in den Barockg?rten des Adels, etwa in Ludwigsburg oder im s?chsischen Pillnitz, allerdings zur Belustigung der Erwachsenen.

[Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam.]

Kinder galten seinerzeit noch als ?kleine Erwachsene“, die Kindheit als eigener Lebensabschnitt wurde erst im folgenden Jahrhundert entdeckt. Etwa gleichzeitig mit der Einrichtung von Kinderspielzimmern in bürgerlichen Haushalten fanden Spielger?te für Kinder auch ihren Weg in die Privatg?rten des Bürgertums.

Der P?dagoge Fr?bel erfand Kinderg?rten und Kinderspielpl?tze

Der P?dagoge Friedrich Fr?bel (1782-1852), Namensgeber und Begründer der Kindergartenbewegung, richtete 1839 im thüringischen Bad Blankenburg den ersten Kindergarten ein und konzipierte ihn bewusst mit einer eigenen, halb ?ffentlichen Freifl?che für das selbstt?tige Spiel.

Bei Fr?bel hatte jedes Kind ein eigenes Pflanzenbeet zum Bearbeiten, es gab einen Laufspielplatz und einen Bauspielplatz, wie man aus der 2009 ver?ffentlichten Doktorarbeit des Bauingenieurs Daniel Rimbach lernt, einer der wenigen Studien zu diesem kaum erforschten Thema.

Kinder spielen auf einem Spielplatz mit Klettergerüsten und einer Rutsche aus Metall.
Hoher Standard mit Metallrohren. Ein Spielplatz auf dem Lessingplatz in Chemnitz um 1990.Foto: imago images / H?rtelPRESS

Die Entwicklung der St?dte zu Metropolen und die wachsende Industrialisierung verengten die Freir?ume für Kinder, die zuvor fast überall Platz zum Spielen gefunden hatten, immer mehr. Spielende Kinder wurden oft von der Polizei von den Stra?en vertrieben. 1864 hielt der Leipziger Reformp?dagoge Ernst Innozenz Hauschild (1808-1866) den Missstand fest: ?Unsere Kinder sind mit ihren Spielen auf das unerquickliche und gefahrdrohende Stra?enpflaster, auf kleine feuchte H?fe, auf winzige G?rtchen angewiesen.“

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In den folgenden Jahrzehnten entstanden die ersten ?ffentlichen Spielpl?tze in den st?dtischen Parkanlagen, in gr??erem Umfang aber wurden sie erst mit der Jahrhundertwende in vielen deutschen St?dten angelegt. In der Zeit von 1890 bis 1900 verdoppelte sich die Zahl der Kinderspielpl?tze auf über 2000.

Sie sollten auch der k?rperlichen Entwicklung und Ertüchtigung der Kinder dienen, galt das Spiel an der frischen Luft doch als gesundheitsf?rdernd. In der militarisierten deutschen Gesellschaft des Kaiserreiches ging es nicht zuletzt darum die ?Wehrtauglichkeit der künftigen Rekruten zu verbessern“, schreibt Daniel Rimbach.

Rutschen kamen aus den USA nach Deutschland

In der Weimarer Republik rückten Spielpl?tze endgültig in den Fokus der Stadtplanung, schon in den Jahren zuvor waren die Freifl?chen von den Au?enbezirken in die Zentren der St?dte ausgeweitet worden. Die Spielpl?tze, zuvor oft nur mit Kies und etwas Sand versehen, wurden in der Folge immer besser mit Spiel- und Turnger?ten ausgestattet.

Mit der ?Volksparkbewegung“ entstanden multifunktionale Spielwiesen für Kinder. In den 1920er Jahren hielten Skulpturen und Plastiken von Tierfiguren Einzug auf den Spielpl?tzen, die nicht nur künstlerischen Wert hatten, sondern auch zum Spielen genutzt werden konnten. Die Flusspferdhofsiedlung in Hohensch?nhausen verdankt ihrer Namen zwei dieser Skulpturen.

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Rutschen fehlten zu dieser Zeit noch auf den meisten deutschen Spielpl?tzen. Sie fanden ihren Weg nach Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus den USA kommend, wo sie schon lange zur Standardausstattung geh?rten. Zuvor spielten die Kinder über Jahre in den gef?hrlichen st?dtischen Ruinen.

In der DDR etablierte sich der Kletterpilz

Auch Klettergerüste aus Metallrohren sind eine Neuerung aus der Zeit nach 1945, sie waren in der Nachkriegszeit in Ost wie West weitverbreitet. W?hrend in der DDR der typische ?Kletterpilz“ über Jahrzehnte das Bild der Spielpl?tze dominierte, wurde in der Bundesrepublik zunehmend Holz zum Baustoff der Spielger?te. Sie wichen mehr und mehr vom Standard ab, mieden jeden rechten Winkel und wuchsen sich oft zu fantasievollen Abenteuerspielpl?tzen aus – zunehmend auch mit den bis heute beliebten Seilbahnen.

Die Konstante aller dieser Entwicklungen blieb aber der Sand (oder der Sandkasten) als Grundelement aller Spielpl?tze. Das Sediment hatte der d?nische Lehrer Hans Dragehjelm schon 1909 als ?gr??ten P?dagogen“ bezeichnet.

[Lesen Sie auch "Eine Geschichte der Kindheit" von der Bremer Kulturhistorikerin Martina Winkler.]

Dass Spielpl?tze jetzt als Risikozonen für Corona-Infektionen galten, scheint der logische Endpunkt einer ?Safety First“-Entwicklung seit den 1980er Jahren, die von DIN-Normen für Spielger?te bis zu TüV-Zertifikaten für Spielpl?tze reichte. In jüngerer Zeit dann überlie?en V?ter und Mütter vom Spielplatzrand oder der Bank aus ihre Kinder immer weniger dem freien Spiel.

Auch vor Corona galt der Spielplatz Eltern als gef?hrlicher Ort

Viele Eltern sind heutzutage immer nah am Kind, darauf bedacht, Konflikten mit Altersgenossen vorzubeugen, den eigenen Nachwuchs vor potenziellen Stürzen aller Art, selbst auf den weichen Sand oder die grüne Wiese, zu bewahren. V?ter und Mütter, für die diese Art Risiko zur Pers?nlichkeitsbildung geh?rt, werden gerne auch zur Vorsicht ermahnt.

Dabei sind Spielpl?tze gerade auf die Begegnung von Kindern und auf das gemeinsame Aushandeln von Spielregeln ausgelegt. Eine Wippe kann man eben nicht allein, sondern meist nur zu zweit nutzen. Doch das Dogma von der Vollkaskogesellschaft hat l?ngst auch von den einst als Freir?umen gedachten Spielpl?tzen Besitz ergriffen.

Jetzt haben Eltern und Kinder die Chance, die Spielpl?tze nach der mehrw?chigen Zwangspause wieder als einen sozialen Ort der Begegnung und der Bewegung zurückzuerobern. Es bleibt zu hoffen, dass es nie wieder zu einer fl?chendeckenden Schlie?ung dieses schützenswerten Freiraums in der Gro?stadt kommt. Denn er ist zugleich so lebendig und der Zukunft zugewandt wie kaum ein anderer Ort.

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